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Interview mit Stefan Schrammel: Keine Farbe ohne Licht, kein Licht ohne Farbe

Stefan Schrammel

Licht und Farbe gehören untrennbar zusammen, sagt Stefan Schrammel von Schrammel Architekten/Stadtplaner aus Augsburg. Im Zusammenspiel mit der Akustik bestimmen sie, ob wir uns in einem Raum wohlfühlen oder nicht. Im Interview erläutert Schrammel, wie Licht und Farbe zusammenhängen und was Architekten aus seiner Sicht bei der Lichtplanung beachten sollten.

Wann empfinden wir Räume als angenehm, wann fühlen wir uns darin nicht wohl?

Das hängt von verschiedenen Faktoren ab. Die wichtigsten sind Licht, Farbe und Akustik. Natürlich gehören auch die Materialien bzw. Oberflächen mit dazu, denn sie reflektieren Licht, Farbe und Schall. Diese Faktoren sind in ihrem Zusammenspiel zu betrachten. Denn sie hängen stark voneinander ab. Die Bewohner oder Nutzer eines Raums werden deshalb nicht konkret sagen können, woran es liegt, dass sie sich dort wohlfühlen oder eben nicht.

Was lässt sich mit der richtigen Beleuchtung erreichen?

Man kann den Raumeindruck mit Kunstlicht und auch mit Tageslicht steigern, aber auch zunichte machen. Am Anfang stellt sich immer die Frage, was ein Raum kann oder was er leisten soll. Einen Wohnraum muss man deshalb anders betrachten als Büroräume. Das Licht muss sich den jeweiligen Anforderungen anpassen, es muss ihnen dienen.

Und welchen Einfluss hat die Farbe?

Licht und Farbe hängen untrennbar zusammen und beeinflussen unsere Wahrnehmung. Bruno Taut hat das mal sehr schön formuliert: „Wo Licht ist muss auch Farbe sein.“ Dieser Zusammenhang ist insofern von Bedeutung, da wir etwa 80 % der Informationen über unsere Umwelt über die Augen aufnehmen. Und davon nimmt die Farbe den größten Anteil ein. Farbe und Licht im Zusammenspiel kommt also eine enorme Bedeutung zu.

Und doch sind die meisten Wände zu Hause und im Büro weiß.

Es gibt keine richtigen oder falschen Farben, die jeweilige Situation entscheidet über richtig oder falsch. Das Auge sucht aber nach einem Kontrast, nach Farbe. Unser Sehen beruht darauf, dass wir Farben vergleichen. Denn anders als bei den Tönen der Musik können wir Farben nicht absolut wahrnehmen. In einem komplett weißen Raum fehlen deshalb die Reize, ein solcher Raum wirkt schnell langweilig. Wenn Sie aber einzelne farbige Akzente setzen oder sich schon alleine Menschen in einem weißen Raum aufhalten, kompensieren sie die weiße, reizarme Raumschale.

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Welche Kombinationen aus Licht und Farbe wirken sich dann positiv auf das Wohlbefinden und die Leistungsfähigkeit aus?

Farbe muss man immer im Zusammenhang mit Oberflächen und Materialien sehen. Bei der Wahrnehmung spielt zudem die Seherfahrung eine Rolle. Die Farbe Braun in Verbindung mit einer Maserung wird mit Holz in Verbindung gebracht. Und Holz ist bei den meisten Menschen positiv konnotiert. Eine allgemein gültige Aussage, welches Licht mit welcher Farbe dem Menschen besonders gut tut oder ihn zu einer besonderen Leistung anspornt, die gibt es nicht. Das hängt insbesondere auch von der jeweiligen Stimmung einer Person ab.

Moderne Beleuchtungskonzepte berücksichtigen neben den visuellen auch die nicht-visuellen Lichtwirkungen. Denn die Bedürfnisse des Menschen sollten im Mittelpunkt eines jeden Lichtkonzepts stehen. Unter der Bezeichnung Human Centric Lighting, HCL, sind heute viele Systeme auf dem Markt, die den circadianen Rhythmus des Menschen unterstützen. Richtige Beleuchtung kann das Wohlbefinden und damit auch die Leistungsfähigkeit steigern.

Menschen, die sich wohl fühlen, bringen bessere Leistungen. Wie weit ist der Schritt, mit der entsprechenden Beleuchtung den Menschen so zu beeinflussen, dass er dauerhaft Höchstleistungen bei der Arbeit erbringt, ihn quasi manipuliert?

Die Leistungsfähigkeit eines Menschen hängt ja nicht alleine vom Licht ab. Auch die gesamte Raumgestaltung spielt eine Rolle, die Anordnung der Fenster, der Ausblick, der Lärm in einem Raum. Prinzipiell ist eine Beleuchtung, die das Wohlbefinden und damit die Leistungsfähigkeit erhöht ja nichts Verwerfliches. Human Centric Lighting kann den natürlichen Tagesrhythmus unterstützen und die Leistungsfähigkeit in den Abend hinein erweitern, es kann den Menschen aber nicht überlisten. Die Evolution lässt sich nicht einfach mit einem Lichtschalter ändern. Insofern halte ich diese Befürchtungen für unbegründet.

Wie sollte ein Architekt vorgehen, wenn er für einen Raum das Farb- und Beleuchtungskonzept entwickelt?

„... nun lasst der Fantasie freien Lauf“ rät Le Corbusier selbst am Ende des Erläuterungstextes zur Nutzung seiner Salubra-Tapetenkollektion. Doch ganz so einfach ist es nicht. Der Architekt muss dem Auftraggeber zunächst genau zuhören. Wer nutzt den Raum? Wie soll er genutzt werden? Was soll er leisten? Wenn das klar ist, kommen die harten Faktoren dazu wie die Gebäudegeometrie, die Lage des Grundstücks, die Ausrichtung der Fenster. Erst dann kann man Farbgestaltung und Beleuchtung planen und die Materialien und Oberflächen darauf abstimmen.

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Große Fensterflächen lassen viel Licht ins Innere. An sonnigen Tagen beeinträchtigt das Sonnenlicht aber die Arbeit am Bildschirm. Folglich werden die Jalousien runtergelassen und die Deckenbeleuchtung eingeschaltet. Im Sommer passiert dies öfter als im Winter. Auf welches Licht richte ich als Planer die Oberflächen und Farben aus?

Eigentlich sollte es dieses Szenario gar nicht mehr geben. Über eine clevere Haustechnik lässt sich die Verschattung mit klassischen Jalousien oder Rollos vermeiden. Die Lichtverhältnisse verändern sich ja permanent, im Tages- und Jahresverlauf. Es ist daher kaum möglich, Oberflächen und Farben auf eine bestimmte Tageszeit oder eine Jahreszeit auszurichten. Wenn es sich um natürliche Materialien handelt, dann haben wir ohnehin gelernt, mit den entsprechenden Farbveränderungen umzugehen.

Wie gehe ich mit diesem Wissen an die Bemusterung?

Wir versuchen immer, mit möglichst großen Mustern zu agieren, ideal sind Musterzimmer. Wir zeigen die Materialien am besten dort, wo sie künftig stehen, hängen oder liegen sollen und das bei dem Licht, das künftig vorhanden sein wird. Das ist leider oftmals nicht möglich. Deshalb sollten es dann große Originalmuster sein. Ganz wichtig ist es, den Bauherrn dazu zu bringen, die Muster einmal bei Tageslicht und einmal bei Kunstlicht zu betrachten und nicht kurz nur an einem schönen Sommertag.

Und wenn ich nach vier, fünf Jahren den Raum umgestalten möchte, in einem Hotel etwa?

Jedes Farbkonzept ist immer ein Kind seiner Zeit und das ist gut so. Aber auch Farbe am Bau kann sich Modeerscheinungen nicht entziehen. Wenn ein Farbkonzept entschieden und stimmig ist, dann wird es auch Moden überdauern. Die Einrichtungen von Verner Panton sind das beste Beispiel dafür. Doch nicht immer ist der große Wurf möglich und gewünscht. Dann empfiehlt es sich, stark modische Farben an Bauteilen einzusetzen, die leicht wieder veränderbar sind: an Stahlzargen der Türen etwa. Die lassen sich nach zwei, drei Jahren einfach überstreichen. Wenn ich einen bestehenden Raum durch Farbe stark verändere, ihn heller oder dunkler mache oder das Mobiliar komplett austausche, dann sollte natürlich auch die Beleuchtung angepasst werden. Farbe ist einer der „billigsten“ Baustoffe, da wäre manchmal ein wenig mehr Bewusstsein um die Einsatzmöglichkeiten und Wirkung in Verbindung mit Tages- und Kunstlicht wünschenswert.

Interview: Thomas Jakob

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